Der Hightech-Schiebetritt der Worbla

Ein Element des Zuges, das von uns allen täglich buchstäblich mit Füssen getreten wird, ist der Schiebetritt. Er ist die Verbindung zwischen dem mobilen Fahrzeug und dem festen Perron und soll beide möglichst ebenerdig und mit einem möglichst kleinen Spalt verbinden. Damit kommt ihm eine unscheinbare und doch sehr wichtige Funktion zu. Diese Verbindung ist heute eine Selbstverständlichkeit und ermöglicht unseren Fahrgästen, ohne Stufen in unsere Züge einzutreten. Da unsere Bahnhöfe gerade im Worblental oft auch in einer Kurve liegen, ist die richtige Einstellung des Schiebetritts eine Herausforderung. Denn je nach Bahnhof und je nach Position des Zuges und der Tür ist der Abstand zwischen dem Zug und dem Perron unterschiedlich. Ausserdem kommt hinzu, dass die Züge in einer Kurve mit einer leichten Neigung zum Perron stehen.

Die Worbla hat einen einfachen Einstieg - geeignet auch für Personen im Rollstuhl.

Die Worbla hat einen ebenerdigen Einstieg - geeignet auch für Personen im Rollstuhl.

Die RBS-Schiebetritt-Flotte

Die Endwagen der Mandarinli haben noch einen Klapptritt. Dieser klappt beim Öffnen der Türe schnell nach unten und bildet so die letzte robuste Stufe zum Hochsteigen. Die nachgerüsteten, neueren Mandarinli-Mittelwagen verfügen bereits über niederflurige Einstiege mit Schiebetritt. Diese Schiebetritte fahren in eine fix eingestellte Position - nicht nur bei den Mandarinli, sondern auch bei den Seconda-Zügen. Der modernere NExT hat hingegen zwei Ausfahrweiten: eine kurz und die andere lang. Die Ausfahrweite der Worbla wird über einen Ultraschallsensor gesteuert, welcher den Abstand zur Perronkante erkennt. Diese Ausfahrweite kann sogar an demselben Perron unterschiedlich sein.

P-32: keine Geheimorganisation, sondern die Perronhöhe

Die zulässige Spaltbreite zwischen dem Perron und dem Schiebetritt ist durch das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) und die Ausführungsbestimmungen zur Eisenbahnverordnung (AB-EBV) vorgegeben. Dabei gilt die Bezeichnung «P-32». Um dem Ausdruck «P-32» auf den Grund zu gehen, werfen wir einen Blick in die Vergangenheit.

Der RBS hat anfangs der 1990er-Jahre als eine der ersten Bahnen schweizweit für die Vorortslinien (J, W, Z – heute S8, S7 und S9) ein kostengünstiges System entwickelt: Die Perrons wurden lokal erhöht und der so entstandene «Kamelhöcker» wurde auf die mit einem niederflurigen Zwischenwagen ergänzten Mandarinli abgestimmt. Dadurch wurde ein ebenerdiger Einstieg in den Mittelwagen ermöglicht - die entsprechenden Einstiegszonen hat der RBS an sämtlichen Bahnhöfen und Haltestellen mit speziellen Hinweistafeln und Bodenmarkierungen gekennzeichnet.

Heute sind mit einigen ganz wenigen Ausnahmen sämtliche RBS-Perrons auf der ganzen Länge auf eine Höhe von 32 cm ab Schienenoberkante erhöht – eben P-32. Dadurch ist der Halteort der Züge nicht mehr entscheidend und eine Kennzeichnung am Boden nicht mehr nötig. Damit können unsere Fahrgäste grundsätzlich an allen Halteorten an allen Türen aller Züge niederflurig einsteigen - mit Ausnahme der wenigen Mandarinli, die noch bis Anfang 2020 im Einsatz sind. 

Hightech in der Worbla

Sensor statt Fixposition

Die Schiebetritte für die Worbla-Züge sind mit zwei Ultraschallsensoren ausgestattet. Damit kann mit dem Trittbrett bis auf 20 mm an das Perron herangefahren werden. Ausserdem kann den unterschiedlichen Situationen auch in einer Kurve mit grösseren Perronabständen Rechnung getragen werden. Der erste Sensor schaut in Schiebe-Richtung «geradeaus», also direkt zum Perron. Erkennt der erste Sensor ein Hindernis, stoppt er den Schiebetritt 20 mm davor.

Schiebetritt mit Perronoberkante P-32

Der Schiebetritt, ausgerüstet mit zwei Sensoren, bei einer Perronoberkante P-32.

Erkennt er kein Hindernis, dann heisst dies, dass die Perronkante tiefer liegt (eine Ausnahmesituation auf dem RBS-Netz). Dann kommt der zweite Sensor zum Zug. Er schaut im 90 Grad-Winkel nach unten und erkennt, wann die Kante erreicht ist und hält den Schiebetritt knapp darüber an.

Wenn beide Sensoren keine Hindernisse erkennen können, wie zum Beispiel wenn die Worbla im Depot steht, wird der Tritt in eine vordefinierte Ausfahrweite (Suchdistanz) gefahren und zieht sich anschliessend auf eine festgelegte Ausfahrweite zurück. Ist das Trittbrett ausgefahren, verhindert dies auch die Weiterfahrt der Worbla. Denn die Worbla kann erst bei eingezogenem Schiebetritt losfahren.

RBS-Projektleiter Michael Ryf erklärt im Stadler-Werk den Highttech-Schiebetritt

Worbla-Projektleiter Michael Ryf erklärt Interessierten in der Stadler-Werkstatt in Bussnang, wie der Schiebetritt funktioniert.

Der Schiebetritt wird im Stadler-Werk mit einer Belastung getestet.

Der Schiebetritt wird im Stadler-Werk einer Belastungsprobe ausgesetzt.

Der Belastungssensor

Nicht nur die Distanz zum Perron wird mittels Sensoren gemessen. Ein zusätzlicher Belastungssensor zeigt an, ob noch jemand auf dem Schiebetritt steht. Ist dies der Fall, wird das automatische Einfahren des Trittes blockiert. Der Schiebetritt prüft aber nicht nur mittels den Sensoren die Distanz zum Perron. Er besitzt auch einen Sensor, welcher eine Belastung auf dem Trittbrett erkennt.

Der Belastungssensor erkennt ein Gewicht auf dem Schiebetritt.

Der Belastungssensor erkennt ein Gewicht auf dem Schiebetritt.

Die Ausfahrgeschwindigkeit

Ist die Worbla in Doppelkomposition unterwegs, gibt es total 16 Türen und grosse Einstiegsplattformen. Dies ermöglicht ein schnelleres Ein- und Aussteigen. Das Öffnen und Schliessen der Türen ist ein wichtiger Zeitfaktor. Je schneller sich die Türen öffnen und schliessen, desto schneller kann weitergefahren und der Fahrplan eingehalten werden. Es gibt aber auch hier Begrenzungen. Zum einen muss die Schliessgeschwindigkeit so eingestellt sein, dass Fahrgäste von den Türen oder dem Schiebetritt nicht verletzt werden (die Worbla-Lichtschranken decken ebenfalls einen grossen Bereich des Einstiegs ab). Ausserdem sind regulatorische Begrenzungen zu beachten. Zum Beispiel die Norm «EN 14752», welche besagt, dass die Tür- und Trittbewegungen so aufeinander abgestimmt sein müssen, dass die Tür nicht mehr als 400 mm geöffnet ist, solange der Tritt nicht vollständig ausgefahren ist. Der Tritt darf sich zudem nicht mehr bewegen, wenn die Tür vollständig geöffnet ist. Und schliesslich gibt es mechanische Grenzen, zum Beispiel bei den Motoren für den Schiebetritt.

Die Schiebetritte sind nicht nur - aber besonders - in der Worbla ein kleines technisches Wunderwerk. Vielleicht denken wir mal daran, wenn wir das nächste Mal «schön gäbig» in den Zug einsteigen. :-)

Die Worbla am Bahnhof Deisswil mit offenen Türen.

Die Worbla am Bahnhof Deisswil mit offenen Türen.

Stand 14.11.2019: 13 Worblas angeliefert – 12 Worblas im Betrieb

Mittlerweile sind bis zu 12 Worblas auf den Linien S7 und S9 unterwegs. Die Worbla Nr. 13 wurde bereits angeliefert und durchläuft die letzten Tests. Bevor die Worbla Nr. 13 mit Fahrgästen unterwegs ist, folgt die Inbetriebnahme. Denn anders als Autos, die hunderttausendfach am Fliessband hergestellt werden, sind unsere Worblas «Unikate». Von den Worblas werden gerade mal 14 Stück produziert. Während der Inbetriebnahme – wie es gerade bei der Worbla 13 der Fall ist – wird das Fahrzeug auf Herz und Nieren geprüft. Viele verschiedene Test- und Sicherheitsprüfungen durchläuft die Worbla während dieser Zeit. Die Worbla ist ein massgeschneidertes Fahrzeug, bei welchem entsprechend auch der Testaufwand erheblich grösser als bei einem Fahrzeug «von der Stange» ist.

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