Das Kreuz mit dem Einstieg

Immer mal wieder taucht die Frage auf, wieso im Bahnhof Bern in der Rushhour, wenn die S8 und die S7 zum Einsteigen parat stehen, die Fahrgäste übers Kreuz zu den Zügen laufen müssen. Was dem Einzelnen wie eine unnötige Verkomplizierung erscheinen mag, hat aber durchaus System und einen etwas umfangreichen Hintergrund. Hier deshalb zunächst einige Zahlen und Fakten: Der unterirdische Bahnhof Bern des RBS wurde am 21. November 1965 eröffnet. Konzipiert wurde der Bahnhof für 16 000 Personen. Heute passieren bis zu 60 000 Personen täglich (!) den Bahnhof. Zwischen 7 und 8 Uhr morgens verkehren zwischen Worblaufen und Bern 42 Züge. Das bedeutet, alle 90 Sekunden fährt in Bern ein Zug ein oder aus. Die S8 verkehrt im 15-Minuten-Takt und die S7 sogar im 7 ½-Minuten-Takt.

Signaltableau, Leitstelle

Normalbetrieb und Rush Hour

Zurück zur Frage des gekreuzten Einstiegs. Im «Normalbetrieb» fährt die S7 vom Gleis 24, welches sich aus Fahrgastsicht ganz links befindet (auf unserem Stellwerk im Bild ganz rechts unten mit der Nummer 4). Die S8 verkehrt ab Gleis 23 gleich daneben (Nummer 3). Die beiden Linien teilen sich ein Perron. Die Züge bestehen aus jeweils zwei Zugkompositionen, sind also 6 Wagen resp. 120 Meter lang - genauso lang wie die Perrons im Bahnhof Bern. Das wahre Nadelöhr ist aber die Aus- bzw. Einfahrt in den Bahnhof Bern. Hier werden aus den vier Gleisen im Bahnhof zwei Streckengleise, über die alle Züge fahren müssen (ganz links auf dem Stellwerk). In der Spitzenzeit kommen zu den regulären Zügen noch einteilige, 60 Meter lange Bolliger-Einsatzzüge auf der S7 zum Einsatz. Diese sollten ungefähr dann ausfahren, wenn die S7 von Worb her in den Bahnhof einfahren möchte. Um dies zu ermöglichen, wurde im Gleis 23 eine Weichenverbindung eingebaut, so dass die «kurze» S7 noch im Bahnhof auf das obere Streckengleis wechseln kann. So können wir Fahrdienstleiter Züge gleichzeitig aus dem Gleis 23 aus- und ins Gleis 24 einfahren lassen. Dieses Wechselspiel bedingt aber, dass die S8, die eine Minute vor dem Bolligen-Einsatzzug abfährt, auf Gleis 24 ausweichen muss.

Bahnhof Bern

Warum werden nicht die Warteräume getauscht?

Die Warteräume im RBS-Bahnhof Bern ermöglichen uns durch ein Schleusensystem, die Pendlerströme ein wenig zu lenken. Diese Warteräume sind so angelegt, dass unsere Fahrgäste auf der jeweils richtigen Seite auf ihre Züge warten können. Einzig in der Rushhour, wenn die S8 wie beschrieben auch ins Gleis 24 einfährt, stimmt der Warteraum nicht mehr mit dem Gleis überein. Um den Pendlern nun zu ersparen, sich jeweils orientieren zu müssen, welcher Warteraum nun für welchen Zug wäre, wurde bewusst darauf verzichtet, mit den Gleiswechseln der S8 auch die Warteräume zu wechseln. Die Fahrgäste können immer im gleichen Warteraum auf die S7 bzw. S8 warten. So ergibt es sich eben, dass zeitweise aber übers Kreuz eingestiegen werden muss. Für uns Fahrdienstleiter ist übrigens jede Verspätung in Bern eine grosse Herausforderung. Aber davon erzähle ich gerne ein andermal.

Bahnhof Bern, Einstieg
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2 Kommentare

Kommentare

25. Oktober 2017
Kämpfer Urs

Die Erklärung ist verständlich und ich sehe die Argumentation. Ich bin aber überzeugt, dass wir Fahrgäste so flexibel sind, um in den richtigen Warteraum zu stehen. Es ist einfacher kurz auf die Anzeigetafel zu schauen als sich durch die Pendlerströme zu zwängen. Deshalb verstehe ich die Argumentation diesbezüglich gar nicht. Es ist ja so, dass die meisten Leute für die Zwischekurse nach Bolligen sich in den Warteraum auf Gleis 23 stellen. Das zeigt auch, dass wir flexibel sind! Es wäre also sehr begrüssenswert wenn Sie das System überdenken würden.

01. November 2017

Hallo Herr Kämpfer, Danke für Ihren Kommentar. Sie haben schon Recht, ein Grossteil unserer Fahrgäste sind Pendler und sehr flexibel. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass ein Grossteil der Fahrgäste froh ist, dass sie sich nicht jeden Morgen neu orientieren müssen. Auch wenn sich die Türen auf der anderen Seite einmal früher öffnen. Zusätzlich müssen wir auch an z.B. Sehbehinderte denken, für die eine tägliche Neuorientierung u.U. nicht zumutbar ist.

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