Laufen mit dem Streckenwärter

«Ich lege Wert auf Pünktlichkeit!», sagte mir Otto Hofer, Streckenwärter, als wir uns für diesen Mittwochmorgen zum gemeinsamen «Gleiselaufen» zwischen Jegenstorf und Zollikofen verabreden. Pünktlichkeit ist hier überlebenswichtig. Bei der hohen Frequenz mit der die meist doppelspurige Strecke Solothurn-Bern befahren wird, kann das Gleis zur Kontrolle nicht gesperrt werden. Das heisst: immer den Zügen entgegenlaufen, alle Fahrpläne im Kopf und dann immer wieder einen Blick auf die Uhr. Bei Otto geht sie eine Minute vor. So treten wir rechtzeitig vom Gleis auf die Seite und warten den nächsten entgegenkommenden Zug ab. Das passiert in den 2 ½ Stunden, die wir für die knapp sieben Kilometer brauchen, gut 20-mal. 

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Wir beginnen in Jegenstorf, es regnet leicht, graue Wolken hängen am Himmel. Aber ein Streckenwärter geht bei jedem Wetter auf «seine» Strecke. «Ausser bei Schnee, da sieht man ja nichts mehr» sagt Otto. Ursprünglich war er Gleisarbeiter. Deshalb kennt er die Abläufe sehr genau und weiss, worauf er achten muss. Während der gesamten Wanderung bleiben seine Augen auf die Gleise geheftet. Er überprüft, ob die Sicherheitssplinten in der Gleissteuerung und alle Schrauben fest sitzen, oder dass die Schweissnähte keine Risse aufweisen. Kleinigkeiten kann er vor Ort beheben. Andere Dinge wie ein wuchernder Strauch an Gleisrand meldet er an die Zentrale. Jedes grössere Problem müsste er sofort melden und notfalls die Strecke sperren. Glücklicherweise kam das in seinen 42 Jahren beim RBS erst zweimal vor. Einmal war die Fahrleitung heruntergerissen, ein andermal verirrte sich eine Kuh auf das Gleis. 

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Zu Beginn ist es noch ungewohnt auf den nassen Bohlen und im Schotter zu laufen, aber nach einiger Zeit stellt sich ein Rhythmus ein und ich kann den Blick schweifen lassen. Jegenstorf liegt bereits hinter uns und rechts und links erstrecken sich grüne Weiden. Sehr bald kommen wir auch an die Baustelle, auf der in der letzten Nacht noch bis morgens um fünf Uhr gearbeitet wurde. Auf ca. 1300 Metern wird hier der Oberbau erneuert: Alte Holzbohlen werden ersetzt durch Betonschwellen. Die Gleise sind noch nicht verschweisst, sondern durch Schraubzwingen verbunden.  Hier dürfen RE und S8 nur in «Langsamfahrt» mit höchstens 30 km/h durchfahren. 

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Bald liegen Urtenen, Schönbühl und Shoppyland hinter uns und in der Ferne taucht Moosseedorf auf direkt dahinter der Moosseedorftunnel. Mir ist etwas mulmig beim Betreten, aber Otto erklärt mir, dass auch ein Tunnel einen Lichtschalter hat und schaltet ein gutes Dutzend Neonröhren ein. Damit wird auch das sogenannte Wechselsignal (zwei Signallampen, die abwechselnd blinken) aktiviert, das den Lokführern signalisiert, dass wir uns im Tunnel befinden. Vor der Einfahrt lassen sie dann ihr Horn erklingen. So ein vorbeirauschender, tonnenschwerer Zug im Tunnel in nur einem halben Meter Abstand ist dann doch noch etwas Anderes als auf freiem Feld. Doch der Tunnel ist kurz und bald zu Ende. Wir treten heraus in den Regen und schreiten weiter in Richtung Zollikofen.

Streckenwärter, Blaus Bähnli, Blaues Bähnli

Eine kleine Überraschung wartet noch auf uns. Für jeden Streckenabschnitt meldet Otto uns bei der Betriebsleitzentrale Worblaufen (BLW) an. Die regulären Züge hat er im Kopf, aber es gibt immer wieder mal eine Sonderfahrt oder eine Umleitung eines regulären Zuges, über die ihn dann die BLW per Funk informiert. Heute kommt das historische Blaue Bähnli vorbeigefahren und grüsst freundlich. 

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Otto läuft diese Strecke einmal in der Woche. Am Nachmittag wird er noch das Gleis der Gegenrichtung ablaufen. Auch Zollikofen – Worblaufen und Jegenstorf –Bern gehören zu seiner Strecke. So ist er jeden zweiten Tag draussen auf den Gleisen unterwegs.

Wenn ihr also das nächste Mal einen orangenen Mann auf den Gleisen laufen seht, grüsst ihn freundlich. Es ist Otto oder einer seiner Kollegen, die dafür sorgen, dass wir sicher reisen und gut ankommen. 

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